In diesem Newsletter:
Seminar T4: IT-Projekt- und Unternehmenssteuerung
Seminar T1: Kennzahlenbasiertes IT-Projektcontrolling
Einsatzpotentiale verschiedener Function Points-Verfahren
Einsatzpotenziale verschiedener Function Points-Verfahren
Im Zeichen einer zunehmenden Globalisierung und damit steigender Produktivitätserwartungen – speziell an verteilte Organisationen – rücken Aufwandschätzungen von IT-Projekten zunehmend in den Mittelpunkt des betrieblichen Interesses. Der Fokus liegt zumeist auf der Minimierung der Kosten, ohne den Nutzen eines Vorhabens hinreichend quantifizieren zu können. Hierbei wird eine Reduktion der Kosten oftmals mit dem unscharfen Begriff »Nutzen« gleichgesetzt. Ungeachtet besseren Wissens sind Bestrebungen, diesen Nutzen zu quantifizieren und/oder zu qualifizieren in der betrieblichen Praxis oft nicht von Erfolg gekrönt.
Ein – wenngleich nicht neues – probates Vorgehen, den Funktionsumfang und somit einen Ansatz zur Bestimmung des Nutzens von Projekten im Umfeld der Informationstechnologie zu erfassen, stellt die Zählung von so genannten Function Points (FP) dar. FPs können bereits in sehr frühen Phasen – z.B. des Software Engineering – ermittelt werden. Hierauf aufbauend können Aussagen über die zu erwartenden Aufwände und den Funktionsumfang des Untersuchungsgegenstandes getroffen werden [vgl. Bundschuh/Fabry (2004)].
Je nach Zeitpunkt der Zählung ist zwischen der »Function Points-Prognose« (auch: FP-Schätzung) und der »Function Points-Analyse«, die wiederum in die Bereiche der »FP-Vorkalkulation«, der »FP-Zwischenkalkulation« und der »FP-Nachkalkulation« unterschieden wird, zu differenzieren (vgl. Abb. 1). Zum Einsatz kommen diese FP-Verfahren (FPV) in vielfältigen Anwendungsgebieten wie z.B. im Kontext von Make or Buy-Entscheidungen, zur Durchführung von IT-Benchmarks, der Bewertung von Risiken (Risikomanagement), Produktivitätskennzahlen, als Zielgrößen in der Balanced Scorecard (BSC) und zur Bewertung des laufenden IT-Betriebs (Prozesse). Ihre wissenschaftliche Fundierung erfahren sie durch z.T. miteinander konkurrierende Methoden. Beispielhaft seien die IFPUG (International Function Point User Group), COSMIC FFP (Common Software Measurement International Consortium Full Function Points) und MK II (Mark II) angeführt.
Zur Illustration möglicher Ergebnisse soll ein konkretes Zahlenbeispiel dienen. Aus den Anforderungen an ein IT-spezifisches Projekt sei ein angestrebter Funktionsumfang von 338 FPs ermittelt. Hierauf aufbauend sind, unter Berücksichtigung der Teamgröße, Aussagen über die zeitlichen Bedarfe des Projekts und deren Projektkosten möglich. Werden im Beispiel der zeitliche Bedarf mit 42 Personenmonaten (PM) und die Kosten des Projektes mit T€ 840 ermittelt, entspricht dies einem Verhältnis von 8,05 FP/PM und 2.485 €/FP. Auf diesen Produktivitätskennzahlen können bspw. branchen- und/oder unternehmensinterne Benchmarks durchgeführt werden. Der in der Praxis üblicherweise entstehende so genannte Scope Creep (schleichende Erhöhung des Funktionsumfangs während der Projektdauer) wird bei der Ermittlung der FPs berücksichtigt und fließt adäquat in die Berechnungen ein.
Die Genauigkeit der Ergebnisse und damit die Möglichkeit der Kostenbeurteilung nimmt hierbei mit jedem Projektfortschritt stetig zu, während die Möglichkeit der Kostenbeeinflussung ebenso stetig abnimmt. Da jedoch unter anderem Scheer (IDS Scheer AG) darauf hinweißt, dass ca. 70% aller Kosten eines Projektes bis zur Entwicklungsphase bestimmt werden [vgl. Scheer (1997)], ist der Schluss zulässig, dass nahezu jede Art der Aufwandschätzung, selbst die Methode der Function Points-Prognose – mit dem ihr inhärenten Maß an Unsicherheit – ihren Einsatz mehr als rechtfertigt. In den Fällen, in denen bereits die wesentlich genaueren Verfahren der Function Points-Analyse (FPA) zum Einsatz kommen, reduziert sich der Grad der Fehleinschätzung signifikant. Die Genauigkeit der A Priori-Analysen kann – in Abhängigkeit von der Qualität der Anforderungen (Fach- und Feinkonzept) – mit bis zu ±5% der tatsächlichen Aufwände beziffert werden. Eine solch geringe Abweichung erscheint im Vergleich des hieraus resultierenden Mehrwertes als tolerierbar. Aus Abbildung 2 gehen die entsprechenden Interdependenzen hervor. Auf der Abszisse ist beispielhaft ein phasenorientierter Software Engineering-Prozess abgebildet. Die Ordinate bezeichnet zugleich den Grad der Möglichkeit der Kostenbeeinflussung und den der Kostenbeurteilung im Sinne einer Ordinalskala. Die erstgenannte Möglichkeit der Kostenbeeinflussung sinkt im Zeitverlauf, während die Möglichkeit, diese Kosten zu beurteilen, stetig steigt. Vor der Durchführung einer Aufwandschätzung liegt die Kurve verhältnismäßig »tief« im Koordinatensystem und weist – bis zum Abschluss des Projekts – eine entsprechend starke Krümmung auf, da hier die tatsächlichen Projektkosten bekannt sind und die Möglichkeit der Kostenbeurteilung maximal ist. Nach der Durchführung der Function Points-Analyse steigt die Möglichkeit der Kostenbeurteilung – in Abhängigkeit von dem Zeitpunkt der Durchführung der Analyse – an und die Kurve nimmt einen flacheren Verlauf. Nach Abschluss des Projektes (hier: »Betrieb & Wartung«) stimmen beide Kurven überein.
Begriffsabgrenzungen:
Function Points-Prognose
Die FP-Prognose (auch: FP-Schätzung) ist ein Verfahren, das zukunftsbezogene Aussagen mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten unter Unsicherheit und unvollkommener Information ermöglicht. Ein wesentliches Merkmal der FP-Prognose ist der Einsatz einer EDB (Erfahrungsdatenbank).
Function Points-Analyse
Die FP-Analyse stellt den Oberbegriff für Verfahren dar, bei denen eine ganzheitliche und systematische Untersuchung des in Bestandteile zerlegten Analyseobjektes erfolgt.
Function Points-Vorkalkulation
Die FP-Vorkalkulation basiert auf Anforderungsdefinitionen und bezeichnet ein statistisch-mathematisches Verfahren mit dem Ziel, genäherte Aussagen über Produktivitätskennzahlen mit möglichst geringer Streuung auszuweisen.
Function Points-Zwischenkalkulation
Die FP-Zwischenkalkulation ist ein kennzahlenbasiertes Controlling-Instrument, das als Bewertungsmaßstab sowohl in der Projektsteuerung als auch in den Prozessen des laufenden Betriebs Anwendung findet.
Function Points-Nachkalkulation
Die FP-Nachkalkulation stellt ein Verfahren zur Evaluation zuvor bewerteter Vorhaben an Hand von Kennzahlen dar.
Hieraus können die folgenden Schlüsse gezogen werden:
1. Der Zeitpunkt der Kostenbeeinflussungen verschiebt sich durch die Anwendung eines Function Points-Verfahrens (zeitlich) signifikant nach vorne. Belastbare Aussagen zur Höhe der zu erwartenden Aufwände können bereits frühzeitig, d.h. bereits zu Beginn des Projekts, getroffen werden.
2. Die Möglichkeit der Kostenbeurteilung und damit der Grad der Qualität der Aussagen steigt durch die Anwendung der Function Points-Verfahren überproportional stark an.
Fazit:
Function Points dienen der unternehmungsindividuellen Projektsteuerung. Die verschiedenen Function Points-Verfahren objektivieren den Funktionsumfang und damit den zu erwartenden Nutzen eines IT-Projekts. Zugleich können alle FPV, insbesondere diejenigen der Function Points-Analyse, ein wertvolles und belastbares Zahlenmaterial zur Unternehmungssteuerung liefern und hierdurch die Transparenz der eigenen Leistungserstellung evaluieren und verifizieren.
Dr. Georg Diedrich ist Senior Consultant und Projektleiter der bach consulting GmbH














Hennef, 27.09.2007:





